Hei­ne, Hein­rich: Die Harzreise

Kürz­lich fand ich in mei­nem Lieb­lings­buch­la­den in Ber­lin eine schö­ne Aus­ga­be der Harz­rei­se von Hein­rich Hei­ne. Da ich aus Hal­le kom­me und den Harz jähr­lich besu­che, muss­te ich ein­fach zugrei­fen. Viel­leicht hielt ich ein Stück­chen Hei­mat in den Händen.

Die Aus­ga­be, die ich nun in mei­nem Besitz weiß, ist vom Krö­ner Ver­lag. Sie ent­hält Anmer­kun­gen und ein Nach­wort von Joa­chim Bark. Beson­ders anspre­chend und geschmack­voll ist zudem der Leineneinband.

Die Harz­rei­se

Cover, Krö­ner Verlag

In sei­nem Rei­se­be­richt lie­fert Hei­ne Ein­drü­cke einer Fuß­wan­de­rung durch den Harz, die er 1824 von Göt­tin­gen aus unter­nahm. Ein­ge­floch­ten sind sati­risch-kri­ti­sche Äuße­run­gen sowohl über das aka­de­mi­sche als auch das gesell­schaft­li­che Unwe­sen sei­ner Zeit. Sein Weg führt ihn von Göt­tin­gen über Ween­de, Nör­ten und Nort­heim nach Ostero­de. Danach geht es wei­ter über Ler­bach, Claus­thal und Zel­ler­feld nach Gos­lar. Von Gos­lar aus bricht er in Rich­tung Bro­cken auf, von wo aus er dann nach Ilsen­burg wan­dert. Danach endet sein Bericht, obwohl sei­ne Rei­se weiterging.

Zunächst wirkt sein Rei­se­be­richt wie ein bun­tes Durch­ein­an­der. Aber der Schein trügt. Die Harz­rei­se lie­fert ein Abbild von Deutsch­land. Der Rei­se­be­richt selbst dient nur als Vor­wand. Dabei lässt er kei­ne Gele­gen­heit zu bis­si­gen Bemer­kun­gen aus.

Sati­ri­sche Erzählweise

Hei­nes Erzähl­wei­se sind kräf­ti­ge Hie­be, die er zu allen Sei­ten aus­teilt. Eine Rei­se­be­schrei­bung dien­te vie­len Autoren als Stil­mit­tel zur gesell­schaft­li­chen Kri­tik. So mach­te auch er davon Gebrauch. Sei­ne Anmer­kun­gen zu Orten und Per­so­nen sind des­we­gen auch so delikat.

Göt­tin­gen

Zu den berühm­tes­ten Wor­ten der Harz­rei­se zäh­len wohl Hei­nes köst­li­che Beschrei­bun­gen und Kom­men­ta­re über die Stadt Göt­tin­gen. Tat­säch­lich ist sie am schöns­ten, wenn man sie wie­der ver­lässt. Irr­wit­zig wird es zudem, wenn er auf­zählt, was es alles in Göt­tin­gen zu fin­den und zu sehen gibt:

Die Stadt Göt­tin­gen, berühmt durch ihre Würs­te und Uni­ver­si­tät, gehört dem Köni­ge von Han­no­ver und ent­hält 999 Feu­er­stel­len, diver­se Kir­chen, eine Ent­bin­dungs­an­stalt, eine Stern­war­te, einen Kar­zer, eine Biblio­thek und einen Rats­kel­ler, wo das Bier sehr gut ist. (S. 9f.)

Wer meint, dass es mit die­ser Auf­zäh­lung getan sei, wird in den dar­auf fol­gen­den Zei­len eines bes­se­ren belehrt, denn Hei­ne zählt noch wei­te­re unsin­ni­ge Din­ge auf:

Die Stadt selbst ist schön, und gefällt einem am bes­ten, wenn man sie mit dem Rücken ansieht. Sie muß schon sehr lan­ge ste­hen, denn ich erin­ne­re mich, als ich vor fünf Jah­ren dort imma­tri­ku­liert und bald dar­auf kon­si­li­iert wur­de, hat­te sie schon das­sel­be graue, alt­klu­ge Anse­hen, und war schon voll­stän­dig ein­ge­rich­tet mit Schnur­ren, Pudeln, Dis­ser­ta­tio­nen, Teedan­s­ants, Wäsche­rin­nen, Kom­pen­di­en, Tau­ben­bra­ten, Guel­fen­or­den, Pro­mo­ti­ons­kut­schen, Pfei­fen­köp­fen, Hof­rä­ten, Jus­tiz­rä­ten, Rele­ga­ti­ons­rä­ten, Pro­fa­xen und ande­ren Faxen. (S. 10)

Der Grund die­ser doch ver­ächt­li­chen Aus­füh­run­gen ist wohl das Gefühl, dass er nicht dazu­ge­hört. Er wur­de wegen einer Duellauf­for­de­rung von der Uni­ver­si­tät Göt­tin­gen und wegen eines Besu­ches im Freu­den­haus außer­dem aus der Bur­schen­schaft gewor­fen. In spä­te­ren Jah­ren ver­fes­tig­te sich die­ses Gefühl noch. Auf­grund sei­ner jüdi­schen Zuge­hö­rig­keit wur­de er immer wie­der abge­lehnt. Und selbst als kon­ver­tier­ter Pro­tes­tant wur­de er wei­ter­hin auf das Juden­tum redu­ziert. Sein Deutsch­tum war daher immer ein The­ma. Auch in der Harzreise.

Ber­lin

Doch Hei­ne zieht nicht nur Göt­tin­gen und sei­ne Bewoh­ner durch den Kakao. Auch Ber­lin kriegt sein Fett ab. Ein­mal wird es als Rum­pel­kam­mer bezeichnet:

In Gott­schalks »Hand­buch« hat­te ich von dem uralten Dom und von dem berühm­ten Kai­ser­stuhl zu Gos­lar viel gele­sen. Als ich aber bei­des bese­hen woll­te, sag­te man mir, der Dom sei nie­der­ge­ris­sen und der Kai­ser­stuhl nach Ber­lin gebracht wor­den. Wir leben in einer bedeu­tungs­schwe­ren Zeit: tau­send­jäh­ri­ge Dome wer­den abge­bro­chen, und Kai­ser­stüh­le in die Rum­pel­kam­mer gewor­fen. (S. 38)

Ein ande­res Mal hin­ge­gen zieht er über die Ber­li­ner Dich­ter her:

Ich mach­te ihn dar­auf auf­merk­sam, daß er die Sümp­fe und Knüp­pel­we­ge des Teu­to­bur­ger Wal­des sehr ono­mat­o­pö­isch durch wäss­ri­ge und holp­ri­ge Ver­se andeu­ten kön­ne, und daß es eine patrio­ti­sche Fein­heit wäre, wenn er den Varus und die übri­gen Römer lau­ter Unsinn spre­chen lie­ße. Ich hof­fe, die­ser Kunst­kniff wird ihm, eben so erfolg­reich wie andern Ber­li­ner Dich­tern, bis zur bedenk­lichs­ten Illu­si­on gelin­gen. (S. 75)

An ande­rer Stel­le lässt er sich über die Schein­welt Ber­lins aus:

Der jun­ge Mensch wuß­te nicht, daß, da in Ber­lin über­haupt der Schein der Din­ge am meis­ten gilt, was schon die all­ge­mei­ne Redens­art, »man so duhn« hin­läng­lich andeu­tet, die­ses Schein­we­sen auf den Bret­tern erst recht flo­rie­ren muß […]. (S. 71)

Sicher, er bezieht sei­ne Aus­sa­gen auf das Thea­ter. Aller­dings scheint Hei­nes Ver­hält­nis zu Ber­lin im All­ge­mei­nen ange­spannt zu sein, wie man auch an sei­nem Ber­lin­ge­dicht sehen kann:

Ber­lin! Ber­lin! Du gro­ßes Jam­mer­tal, bei dir ist nichts zu fin­den, als lau­ter Angst und Qual.

Miss­ge­stal­te Figuren

Äußerst ein­falls­reich zeigt sich Hei­ne bei der Beschrei­bung sei­ner Figu­ren. Sei­ne Per­so­nen­be­schrei­bun­gen sind Kari­ka­tu­ren. Sie wer­den kör­per­lich ent­stellt. Die­se Miss­ge­stalt ist zugleich die äuße­re Erschei­nung ihrer geis­ti­gen Verkümmerung.

Die eine Dame war die Frau Gemah­lin, eine gar gro­ße, weit­läu­fi­ge Dame, ein rotes Qua­drat­mei­len­ge­sicht mit Grüb­chen in den Wan­gen, die wie Spuck­näp­fe für Lie­bes­göt­ter aus­sa­hen, ein lang­flei­schig her­ab­hän­gen­des Unter­kinn, das eine schlech­te Fort­set­zung des Gesich­tes zu sein schien, und ein hoch­auf­ge­sta­pel­ter Busen, der mit stei­fen Spit­zen und vielz­a­ckig festo­nier­ten Krä­gen wie mit Türm­chen und Bas­tio­nen umbaut war. (S. 16)

Qua­drat­mei­len­ge­sicht, Spuck­näp­fe, lang­flei­schig her­ab­hän­gen­des Unter­kinn – die Frau scheint wahr­lich kei­ne Schön­heit zu sein. Eben­so beschreibt er auch ihre Schwes­ter nicht min­der hässlich:

Die ande­re Dame, die Frau Schwes­ter, bil­de­te ganz den Gegen­satz der eben beschrie­be­nen. Stamm­te jene von Pha­ra­os fet­ten Kühen, so stamm­te die­se von den magern. Das Gesicht nur ein Mund zwi­schen zwei Ohren, die Brust trost­los öde, wie die Lüne­bur­ger Hei­de; die gan­ze aus­ge­koch­te Gestalt glich einem Frei­tisch für arme Theo­lo­gen. (S. 16f.)

Natur­be­schrei­bun­gen

Wie fort­ge­bla­sen schei­nen Hei­nes Iro­nie und Sar­kas­mus, wenn er die Natur zum Aus­druck bringt und ihre Schön­heit in Wor­te klei­det. Dabei setzt er all das um, was heu­ti­gen Schrei­ber­lin­gen vehe­ment ans Herz gelegt wird: Ver­ben. Sei­ne Natur­be­schrei­bun­gen in der Harz­rei­se wir­ken so leben­dig, weil sie durch Ver­ben leben­dig gemacht werden.

Ich bestieg Hügel und Ber­ge, betrach­te­te, wie die Son­ne den Nebel zu ver­scheu­chen such­te, wan­der­te freu­dig durch die schau­ern­den Wäl­der, und um mein träu­men­des Haupt klin­gel­ten die Glo­cken­blüm­chen von Gos­lar. In ihren wei­ßen Nacht­män­teln stan­den die Ber­ge, die Tan­nen rüt­tel­ten sich den Schlaf aus den Glie­dern, der fri­sche Mor­gen­wind fri­sier­te ihnen die her­ab­hän­gen­den, grü­nen Haa­re, die Vög­lein hiel­ten Bet­stun­de, das Wie­sen­thal blitz­te wie eine dia­man­ten­be­säe­te Gold­de­cke, und der Hirt schritt dar­über hin mit sei­ner läu­ten­den Herde.

Ver­scheu­chen. Rüt­teln. Blit­zen. Die Natur ist nicht nur, son­dern sie bewegt sich und wirkt. In einem Abschnitt zur Ilse heißt es:

Es ist unbe­schreib­bar, mit wel­cher Fröh­lich­keit, Nai­ve­tät und Anmut die Ilse sich hin­un­ter stürzt über die aben­teu­er­lich gebil­de­ten Fels­stü­cke, die sie in ihrem Lau­fe fin­det, so daß das Was­ser hier wild empor zischt oder schäu­mend über­läuft, dort aus aller­lei Stein­spal­ten, wie aus vol­len Gieß­kan­nen, in rei­nen Bögen sich ergießt, und unten wie­der über die klei­nen Stei­ne hin­trip­pelt, wie ein mun­te­res Mäd­chen. Ja, die Sage ist wahr, die Ilse ist eine Prin­zes­sin, die lachend und blü­hend den Berg hin­ab­läuft. Wie blinkt im Son­nen­schein ihr wei­ßes Schaum­ge­wand! Wie flat­tern im Win­de ihre sil­ber­nen Busen­bän­der! Wie fun­keln und blit­zen ihre Diamanten!

Empor­zi­schen. Hin­trip­peln. Flat­tern. Die Ver­ben geben gekonnt die Bewe­gung wie­der. Somit wer­den die Ver­glei­che zu leben­di­gen Bildern.

Lese­ver­gnü­gen

Ich emp­fand Freu­de beim Lesen der Harz­rei­se. Womög­lich schreckt die Spra­che eini­ge ab. Ande­rer­seits kann man es ruhig ein­mal wagen, denn sie ver­spricht ein wah­res Lese­ver­gnü­gen. Außer­dem wird man mit mit­rei­ßen­den Natur­be­schrei­bun­gen belohnt. Wem das nicht reicht, der wird sich an sei­nen spitz­fin­di­gen Bemer­kun­gen ergöt­zen können.


Infor­ma­tio­nen zum Buch und Verlag

Ver­lag: Alfred Krö­ner Verlag
Gebun­de­ne Aus­ga­be, 172 Sei­ten, 1. Auf­la­ge (Okto­ber 2013)
ISBN-10: 3520845016
ISBN-13: 978–3520845016

SPOILER-WARNUNG

Liebe Leserinnen und Leser, ich rezensiere Bücher, d. h., ich bespreche sie. Ich setze mich daher mit den Inhalten auseinander, sodass die Gefahr des Spoilerns in all meinen Rezensionen gegeben ist.